Profifußball

Auf dem Abstellgleis

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Marcel Kaffenberger (rechts) mit Zafer Yelen. (Foto: Kaffenberger)

Vor wenigen Wochen hat Marcel Kaffenberger seinen 21. Geburtstag gefeiert. Zwei Tage später spielte sein Verein, Fußball-Zweitligist FSV Frankfurt, im Auswärtsspiel beim FC St. Pauli. Das Stadion am Millerntor ist voll, für die Gastgeber geht es um die Existenz in der Zweiten Fußball-Bundesliga. Die Stimmung ist angeheizt, die Fans machen Betrieb auf den Rängen. Die besten Bedingungen also, um sich nachträglich selbst zu beschenken. Vielleicht mit einem Tor oder gar einem Auswärtssieg. Marcel Kaffenberger bekommt diese Gelegenheit nicht. Vergeblich sucht man ihn in der Startelf der Bornheimer und auch auf der Auswechselbank ist für den Blondschopf kein Platz.

Der Innenverteidiger hängt in der Warteschleife, direkter formuliert steht er auf dem Abstellgleis. In dieser Saison, in der der FSV Frankfurt erneut auf dem besten Weg zum Klassenverbleib im Fußball-Unterhaus ist, reichte es für Marcel Kaffenberger gerade einmal zu einem Kurzeinsatz. Beim 2:0 gegen den 1. FC Heidenheim wurde er von Cheftrainer Benno Möhlmann in der Schlussphase für neun Minuten aufs Feld geschickt. Ansonsten sehen ihn die Zuschauer lediglich in den Freundschaftsspielen auf dem Platz. Jede Länderspielpause, die mit einem Testspiel des FSV Frankfurt verbunden wird, ist für den gebürtigen Frankfurter Gold wert.

Unglücklicher Auftritt im DFB-Pokal

An den ersten zwei Spieltagen der laufenden Saison kam er zwar nicht zum Einsatz, stand aber immerhin im Kader der Begegnungen in Heidenheim und gegen den Karlsruher SC. Es folgte das Spiel in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals bei Regionalligist Sportfreunde Siegen. Schon nach zwölf Minuten schien Marcel Kaffenbergers große Stunde zu schlagen, als er für den verletzt ausgeschiedenen Björn Schlicke in die Innenverteidigung beordert wurde. Die Partie, die der Favorit am Ende hauchdünn im Elfmeterschießen gewinnen sollte, entwickelte sich für den großgewachsenen Blondschopf aber schnell zum Albtraum. Erst verschuldete Kaffenberger ein Gegentor, kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit sah er wegen einer Notbremse die Rote Karte. „Das Spiel ist natürlich sehr unglücklich gelaufen. Ich hätte gerne anders auf mich aufmerksam gemacht“, sagt Marcel Kaffenberger im Gespräch mit „Gleiche Höhe“ rückblickend.

Nur drei Tage später stellte der Verein mit Hanno Balitsch einen Neuzugang vor, der sich von Beginn an zur unangetasteten Stammkraft in der Bornheimer Vierer-Abwehrkette entwickelt hat. Marcel Kaffenberger bekam also zusätzlich einen weiteren Spieler vor die Nase gesetzt. Im defensiven Mittelfeld – Kaffenbergers Lieblingsposition – ist Manuel Konrad, Leitwolf und Führungsspieler, ohnehin eine Institution. Weitere Kräfte wie Marc André Kruska, Joan Oumari oder Tom Beugelsdijk, die im Defensivbereich ihre Qualitäten haben, stehen in der Gunst von Cheftrainer Benno Möhlmann ebenfalls weit vor Kaffenberger. In der Winterpause wurde mit Florian Ballas noch ein weiterer Akteur geholt, der entweder als Innenverteidiger oder als defensiver Mittelfeldspieler agiert – ein klares Signal. Zu allem Überfluss verletzte sich Kaffenberger kurz nach seinem unglücklichen Auftritt im Siegener Leimbachstadion nacheinander an der Achillessehne und am Hüftbeuger und kam auch deshalb nicht richtig in Tritt. Wochenlang sahen ihn die Besucher der Heimspiele eher in Jeans und T-Shirt im VIP-Bereich des Frankfurter Volksbank Stadions, als in Sportklamotten auf der Bank oder gar auf dem Platz. „Im Moment bleibt mir nur die Möglichkeit mich im Training anzubieten und jeden Tag weiter an mir zu arbeiten“, hat der mittlerweile wieder vollständig genesene Ergänzungsspieler die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Nach einem kurzen Moment in dem er nachdenkt holt er Luft und sagt dann doch, „dass es eigentlich Zeit für einen Tapetenwechsel ist“. Kaffenbergers Vertrag läuft im Sommer aus, bereits im Winter hatte er beim Verein angeklopft und um seine Freigabe gebeten. Der MSV Duisburg, Aufstiegsaspirant in der 3. Liga, hatte sich bemüht, wollte Kaffenberger fest verpflichten. Für den FSV Frankfurt kam dagegen nur ein Ausleihgeschäft in Frage – der Deal platze.

„Auch wenn es nur zwanzig Minuten waren und das Spiel zu diesem Zeitpunkt längst entschieden, war es ein unbeschreibliches Gefühl im Trikot auf dem Platz zu stehen.“

In den vergangenen Jahren war die Perspektive für ihn noch eine andere. Im Alter von 15 Jahren wechselte er im Sommer 2009 an den Bornheimer Hang. Zuvor spielte er bereits in den Nachwuchsmannschaften von Eintracht Frankfurt und Mainz 05. Beim FSV Frankfurt traf Kaffenberger auf den ehemaligen Bundesliga-Profi Slobodan Komljenovic, den er bis heute als seinen „größten Förderer“ bezeichnet. Komljenovic trainierte ihn in der U17, machte Kaffenberger dort zum Kapitän. Gemeinsam stiegen sie im Sommer 2012 mit der U19 in die A-Junioren-Bundesliga auf. Im defensiven Mittelfeld zeichnete sich Marcel Kaffenberger vor allem durch seine Torgefährlichkeit aus. Neun Tore und elf Vorlagen steuerte er zum Aufstieg bei. In der darauffolgenden Spielzeit durfte er – immer noch für die U19 spielberechtigt – regelmäßig bei den Profis mittrainieren. Schnell erarbeitete er sich durch seine forsche aber niemals aufdringliche oder arrogante Art in der Mannschaft großen Respekt. Beim 6:1-Erfolg gegen den VfR Aalen am 8. März 2013 feierte die Nachwuchshoffnung sein Debüt im Frankfurter Volksbank Stadion. „Auch wenn es nur zwanzig Minuten waren und das Spiel zu diesem Zeitpunkt längst entschieden, war es ein unbeschreibliches Gefühl im Trikot auf dem Platz zu stehen“, erzählt Kaffenberger. Seine Augen beginnen zu leuchten. Verbunden ist dieses Gefühl eng mit den Anstrengungen und Umständen, die er auf sich nahm, um nach der Karriere als Fußballer in beruflicher Hinsicht nicht gänzlich mit leeren Händen dazustehen. Um sein Fachabitur zu erlangen arbeitete er vor zwei Jahren neben dem Unterricht in der Schule noch mehrere Tage in der Woche in einer Bank. „Ich bin morgens um sieben Uhr mit gepackter Sporttasche aus der Haustür gegangen und manchmal erst nach Mitternacht wieder nach Hause gekommen“, erinnert er sich an die Zeit, in der er seine Hausaufgaben nicht selten in der Mittagspause im benachbarten Fast-Food-Restaurant erledigte.

In Eddersheim das Kicken gelernt

Groß geworden ist Marcel Kaffenberger beim FC Eddersheim im Fußballkreis Main-Taunus. Auf dem kleinen Hartplatz am Ufer des Mains lernte er das ABC des Fußballs. Viele seiner damaligen Mitspieler schnüren die Fußballschuhe noch heute in den umliegenden Amateurligen. Klar, dass er sich immer noch regelmäßig über die Ergebnisse des FC Eddersheim informiert. Zuletzt war er bei der knappen Derby-Niederlage bei Spitzenreiter Viktoria Kelsterbach auf dem Sportplatz. Verbindungen in den Main-Taunus-Kreis hat er sowieso. Vater Stefan knetete als Physiotherapeut jahrelang die Beine der Kicker aus dem Main-Taunus-Kreis. Zuvor war er in gleicher Funktion über vier Jahre ebenfalls beim FSV Frankfurt angestellt. Sein Sohn holte sich die Spielpraxis parallel zu den Trainingseinheiten bei den Partien der U23 am Wochenende in der Oberliga Hessen. Als Innenverteidiger war er eine der Stützen des Teams von Trainer Slaven Skeledzic, der mittlerweile Trainer der A-Nationalmannschaft Afghanistans ist. Die U23 gibt es seit letztem Sommer aber nicht mehr. Der Hauptgrund für die Abmeldung vom Spielbetrieb war laut Uwe Stöver, Geschäftsführer Sport des FSV Frankfurt, „die fehlende Durchlässigkeit der U23 als Sprungbrett zur Profimannschaft“. Ein Nackenschlag für einen Spieler wie Marcel Kaffenberger, dem plötzlich und für ihn immer noch „sehr überraschend“ die Möglichkeit der regelmäßigen Wettkampfpraxis entzogen wurde. Der Fokus im Jugendbereich des FSV wird nun vollständig auf das Nachwuchsleistungszentrum gelegt.

Marcel Kaffenbergers Weg beim FSV Frankfurt – so sieht es derzeit aus – scheint zu Ende zu gehen. „Ich hatte hier eine richtig gute Zeit und habe tolle Leute kennengelernt, aber irgendwann ist es auch Zeit den nächsten Schritt zu gehen“, sagt Marcel Kaffenberger. Wohin ihn sein Weg als nächstes führen wird weiß er noch nicht. „Im Moment möchte ich schon in Deutschland bleiben, vielleicht auch in der Dritten Liga. Ein Traum ist aber auch irgendwann mal ins Ausland zu gehen“, denkt Kaffenberger, der seine Stärken im sauberen Passspiel und seiner Torgefährlichkeit sieht, bereits an die nächsten Schritte der Karriere, die momentan etwas ins Stocken geraten ist. Erst in der vergangenen Wochen hat die BILD-Zeitung berichtet, dass Kaffenberger erneut ein Probetraining beim MSV Duisburg absolviert. Vielleicht klappt es diesmal schlussendlich auch mit dem Wechsel, zu wünschen wäre es ihm allemal.

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